Martina Kubb
/ Ina Penkert

Interview
mit dem Vorbeter (Imam) und einigen Gemeindemitgliedern am 29. November
1999
(Übersetzung
durch eine junge Frau der islamischen Gemeinde).
Als
wir am 29.11.1999 an der türkischen Moschee in Herford, wo wir um
11:00 Uhr einen Interviewtermin haben, ankommen, wirkt das Gebäude
verlassen. Auch im Innenhof ist zunächst niemand zu sehen. Erst nach
einigen Minuten, die wir – uns beratend – dort verbringen, tritt ein Mann
auf uns zu und spricht uns an.
Er
stellt sich uns als der Vorbeter vor. Weiter reichen seine Deutschkenntnisse
leider nicht. Der Interviewtermin ist ihm aber noch im Gedächtnis,
und so führt er uns in einen gemütlich wirkenden Raum, der Teestube,
mit vielen Tischen und einem Fernseher, auf dem ein türkischer Sender
läuft. Wir dürfen uns hinsetzen, und während der Vorbeter
per Handy mit jemandem telefoniert, um einen Übersetzer zu organisieren,
serviert uns ein anderer Mann Tee.
Obwohl
die Situation etwas beklemmend ist, da ja niemand da ist, mit dem wir uns
verständigen können (außer mit Händen und Füßen),
fühlen wir uns schnell wohl.
Nach
einiger Zeit kommt dann eine junge Frau und noch zwei Männer. Die
Frau spricht fließend Deutsch. Die anderen Männer, die da sind,
setzen sich mit uns an den Tisch. Wir fangen mit unseren Fragen an.
(Die
Antworten können nicht wörtlich wiedergegeben werden, da wir
nur Notizen gemacht haben.)
„Wie
alt ist die Moschee?“
„Die
Moschee ist ca. zehn Jahre alt. Der Ausländerbeirat hat es damals
durchgesetzt, dass wir dieses Haus umbauen und die Moschee dahinter bauen
durften.“
„Wie
oft sind hier Messen?“
„Die
Messen sind fünf mal täglich zu bestimmten Zeiten, die sich immer
ändern, weil sie sich nach der Sonne richten. Es gibt da so einen
bestimmten Kalender, wo das drinsteht.(Er zeigt uns einen Kalender, der
an der Tür hängt.) Die Zeiten werden streng eingehalten. Wenn
man mal keine Zeit hat, weil man z. B. arbeiten muss, muss das versäumte
Gebet nachgeholt werden.“
„Wie
viele Menschen sind in ihrer Gemeinde?“
„Es
besuchen ca. 40 bis 50 Menschen täglich die Moschee. Insgesamt sind
es vielleicht 200 bis 250 Menschen, die regelmäßig hierher kommen.
Die meisten von ihnen sind Männer. Die Frauen dürfen auch zu
Hause beten. So können sie sich ihre Zeit besser einteilen. Wir sehen
es nicht so, wie die meisten Deutschen, dass die Frauen benachteiligt sind.
Sie haben sogar, im Gegenteil, eine bevorzugte Stellung, da sie es sind,
die die wichtigste Arbeit im Haus machen und ,vor allen Dingen, die Kinder
zur Welt bringen.“
„Dürfen
Sie heiraten?“
„Ja,
das darf ich. Frauen dürfen bei uns auch unterrichten (d. h. Messen
abhalten), allerdings nur unter Frauen.“
„Hatten
Sie schon mal Probleme mit Rechtsradikalen?“
„Es
hat mal eine Zeit gegeben, so vor vier Jahren, da haben wir Drohbriefe
bekommen. Es ist aber nichts passiert. Ansonsten ist Herford für uns
eine Art `neutrales Gebiet`. Mit den Herfordern haben wir keine Probleme.
Es gab zwar einige Proteste bei den Anwohnern dieser Straße, als
sie hörten, dass hier eine Moschee entstehen soll, weil sie wohl dachten,
dass es hier dann immer ziemlich laut sein würde, weil man das im
Fernsehen ja immer so sieht mit diesen Lautsprechern und so, aber das ist
hier ja nicht so, und das haben die Leute dann auch gemerkt.“
„Waren
Sie schon mal in einer christlichen Kirche?“
„Ja,
die evangelischen Kirchen in Herford und wir laden uns öfters gegenseitig
ein. Das ist sehr schön, weil wir uns auch gegenseitig helfen. Die
Messen bei den Christen finde ich ein bisschen seltsam, besonders bei den
Katholiken: immer aufstehen, hinsetzen, hinknien...“(lacht)
„Wie
läuft es denn in so einer Messe bei Ihnen ab?“
„Es
gibt einen geregelten Ablauf, so wie in jeder christlichen Kirche auch.
Das hat mit Traditionen zu tun. Ansonsten richten wir uns stark nach der
Sonne.“
„In
welcher Sprache werden die Messen abgehalten?“
„In
türkisch.“
„Haben
Sie studiert?“
„Ja,
es gibt da in der Türkei bestimmte Schulen dafür. Ich war elf
Jahre lang nach der Grundschule in der Türkei auf einer solchen Schule.
Diese Schulen gibt es nur in der Türkei.“
„Welche
wichtigen Feste haben Sie?“
„Da
ist einmal das `Ramadan`. Das ist hauptsächlich ein Fest für
die Kinder, die dann beschenkt werden, so wie hier am Martinstag. Dann
gibt es das Schlachtfest, das für uns das wichtigste Fest ist. Dann
werden Säugetiere geschlachtet, die Pflanzen fressen. Außerdem
gibt es auch noch bestimmte heilige Nächte, insgesamt fünf, eine
davon ist die Nacht, in der der Koran gegeben wurde.“
„Gibt
es eine offizielle `Aufnahmezeremonie`, wie bei den Christen die Taufe?“
„Nein,
aber es gibt so etwas wie Sonntagsunterricht in der Moschee, in dem die
Grundsätze des Koran unterrichtet werden.“
„Bekommen
Sie staatliche Unterstützung?“
„Wir
bekommen Unterstützung vom Ausländerbeiat, der uns Teile seines
Budgets zur Verfügung stellt. Ansonsten finanziert sich die Moschee
durch regelmäßige Spenden der Gemeindemitglieder (zehn bis zwanzig
Mark pro Person monatlich) und durch die Teestube und den kleinen Tante-Emma-Laden,
der sich hier im Haus befindet.“
Nach
dem `offiziellen` Teil des Interviews werden wir in die Moschee geführt.
Wir müssen uns die Schuhe ausziehen und betreten dann den ganz mit
Teppichboden ausgelegten und mit Fußbodenheizung ausgestatteten Raum.
Darin befinden sich eine Gebetsnische, von wo aus der Imam (Vorbeter) die
Messen eröffnet - diese Nische zeigt natürlich nach Osten (Mekka)
- , ein Vortragspult, von wo aus der Imam predigt und einige Bilder von
der Kaaba in Mekka. Für die Frauen ist ein Bereich der Moschee abgetrennt
(durch einen Vorhang). Wie der Vorbeter uns erklärt hat das nichts
mit Diskriminierung zu tun, sondern damit, dass die Männer nicht vom
Beten abgelenkt werden sollen und dass die Frauen auch lieber unter sich
sein möchten.
Auf
dem Fußboden in der Moschee stehen überall kleine Messingständer,
auf denen rosenkranzartige Perlenketten aufgehängt sind, die zur besseren
Orientierung beim Beten dienen.
Die
Männer erzählen und erzählen. Sie scheinen richtig Freude
daran zu haben, uns so viel wie möglich über Ihren Glauben zu
erzählen.
Als
wir aufbrechen müssen verabschieden sie uns mit dem Angebot, sie doch
öfter zu besuchen und mit einem ernstgemeinten „Auf Wiedersehen!“
– auf deutsch.