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Interview mit Herrn B. aus Herford
(Herford, 12. Dezember 1999)
Melanie Grove
Vorwort
Ich habe mich für ein Vorwort entschieden, um die Situation nochmal
genauer zu beschreiben. Ich traf Herrn B. nach der Schule um etwa 15.00
Uhr bei ihm zuhause. Er war sehr gastfreundlich und bat mich zu ihm ins
Wohnzimmer. Bevor dem eigentlichen Interview unterhielt ich mich bei einer
Tasse Tee und Keksen noch lange mit ihm und seiner Frau. Ich erklärte
den Sinn und Zweck des Interviews und fragte auch, ob es ihm Recht wäre,
dass ich ein Diktiergerät benutze und ob das Interview im Internet
erscheinen darf. Beides ging in Ordnung, doch er wollte nicht, dass sein
voller Name genannt wird. Viele Fragen beantwortete er mir schon vor dem
eigentlichen Interview. Herr B. war sehr ehrlich und aufgeschlossen. In
den folgenden Seiten erfahren Sie viel über Herrn B. selbst, dem Islam
und seiner Einstellung zu anderen Religionen und Kulturen.
M.: Seit wann leben Sie in Deutschland?
B.: Seit 1966, Anfang 1966, also meine Frau lebt hier schon
seit Ende 1965. Am 11.11.1965 war sie in Deutschland.
M.: Das wissen Sie aber noch sehr genau. Fahren Sie öfter
in Urlaub in die Türkei?
B.: Im Jahr mindestens ein Mal.
M.:Haben Sie dort Verwandte?
B.:Meine ganzen Verwandten sind dort. Ich bin mit meiner Frau
alleine hier. Wir haben keine Verwandte hier.
M.: Schade!
B.: Ja, das ist wirklich schade. Ich bin damals hierher gekommen
und musste meinen schönen Beruf aufgeben. Ich bin mit grossen Träumen
nach Deutschland gekommen. Ich war noch sehr jung, gerade mal 19 Jahre,
als ich nach Deutschland kam.
M.: Warum gerade nach Deutschland?
B.: Gerade Deutschland? Ich kam her als Deutschland gerade versuchte
sich nach dem Krieg aufzubauen. Da brauchten sie hier Arbeitskräfte.
Erst natürlich aus Italien, aus Spanien und aus Portugal. Offiziell
schloss die Türkei 1961 ein Abkommen mit der Deutschen Regierung,
dass Deutschland sich Arbeiter holen durfte. Eine Arbeitervermittlung wurde
gegründet. In Istanbul und in der Türkei wurde so viel propagiert,
dass es in Deutschland so gut sei: Arbeiter würden viel Geld verdienen.
So wurde in der ganzen Türkei stark dafür geworben. Ich kann
mir vorstellen, dass in Kasachstan die Aussiedler anpropagandiert wurden.
Dadurch dachten ich und viele andere junge Männer daran: "Da geh ich
hin." Deshalb sind wir in Deutschland, dass ist der Grund.
M.: Von wo aus der Türkei kommen Sie her? Wenn ich fragen
darf?
B.: Ich komme aus Istanbul. Meine Schwester wurde 1957 auch
in Istanbul geboren. Meine Frau kommt von der ägäischen Küste.
M.: Bestimmt schön dort, oder?
B.: Etwas wärmer wie hier.
M.: Sind Sie sehr gläubig?
B.: Ich bin gläubig. Aber was verstehst Du unter sehr gläubig?
Ich bin nicht fanatisch-ich bin gläubig.
M.: Also in einem bestimmten Masse?
B.: Masse, ja, in einem bestimmten Masse.
M.: Ist Ihre Religion im grossen und ganzen streng oder nicht
so streng?
B.: Ich glaube an meiner Frau, an meiner Familie und auch an
den Islam. Wir glauben, was wir glauben. Aber wir sind nicht fanatisch.
Wir denken, dass der Glaube für den Menschen ist. Menschen sind nicht
für den Glauben da. Wir beten, wir versuchen den Glauben zu erhalten.
Das ist unsere Philosophie.
M.: Also ist das ein Glaube, an den man sich festhalten kann?
B.: Klar, man muss ja irgendetwas glauben. Das finde ich schön.
Man sollte nicht sein ganzes Leben für den Glauben aufgeben. Nicht
das Leben danach richten, nur einrichten.
M.: Aha, Gut. Darf ich fragen, ob Sie Kinder haben?
B.: Ja wir haben zwei Kinder: Zwillinge! Ein Junge und ein Mädchen.
M.: Das ist selten. Schön. Haben Sie sie gläubig
erzogen oder eher so, wie sie es gerne möchten?
B.: Also, das war nicht gläubig. Wir haben unsere Kenntnisse
weitergegeben. Und so haben wir unsere Kinder neutral erzogen. Wir leben
in einer Deutschen und türkischen Kultur.
M.: Also konnten sie sich aussuchen, ob sie den Glauben annehmen
und dahinterstehen oder einen anderen Glauben wählen?
B.: Sie wählen keinen anderen Glauben. Bestimmt nicht.
Sie können wählen, aber ich glaube nicht, dass sie einen anderen
Glauben wählen wollen. Wir haben unseren Glauben weitergegeben. Sie
kennen den anderen Glauben und dessen Geschichte. Der christliche Glauben
zum Beispiel endet, wo der Islam beginnt. Deswegen kennen wir alle Glauben,
der christliche der jüdische und der Islam. Sie sind in der Geschichte
ein Schwesterglauben, diese drei Glaubensrichtungen.
M.: Was halten Sie vom jüdischen und christlichen Glauben?
B.: Der jüdische ist der erste Glaube. Der himmlische Glaube.
Den haben viele Menschen.
Der Islam kommt nach dem Christentum. Jeder Glaube kommt mit seinem
Leben und dessen Kultur zusammen. Das finde ich toll. Denn ohne Glauben
ist das Leben geschmacklos. Man muss irgendwas glauben.
M.: Bleiben Sie beim Islam?
B.: Ich akzeptiere das Christentum und die Leute, die
daran glauben. Ich habe hier in Deutschland viele Kirchen besichtigt. Die
Kirche ist eine alte Kultur. Sie ist ein Symbol des Christentums im Gegenteil
zur Moschee. Sie ist eine Kultur für den Islam. Das ist bei den Juden
genauso. Die haben mit der Synagoge angefangen und so entwickelte sich
die Kirche und die Moschee. Das ist alles für den Glauben.
Normalerweise sind alle drei Glauben gleich. Alle denken an Gott. Der
eine sagt Allah, andere sagen Gott, doch wir haben nur einen Gott. Einen
gemeinsamen Gott und den Glauben. Das ist was den Menschen zum Mensch macht.
Ich wurde als Muhammedan geboren und erzogen. Deswegen bleibe ich dabei.
Wenn meine Eltern Christen wären, wäre ich ein Christ. Oder wenn
sie Juden wären, wäre ich ein Jude. Leider kann man sich den
Glauben in der ersten Erziehung nicht selber auswählen. Es kommt so,
wie es Eltern weitergeben. Den Glauben muss man annehmen.
M.: Bei den Christen ist es so, dass man ab einem bestimmten
Alter den Glauben wechseln kann.
B.: Kann man im Islam auch. Wenn islamische Eltern ein Kind
zur Welt bringen, gehört es automatisch dem Islam an. Man gibt die
islamische Aufgabe und Erziehung weiter. Mädchen und Jungen ab dem
7. Lebensjahr. Ab dem 9. Lebensjahr müssen sie eine Aufgabe erfüllen.
M.: Sie hatten bisher keine Konflikte wegen Ihrem Glauben?
B.: Ich habe bisher noch keine Konflikte in meiner Familie erlebt.
Ich habe immer geglaubt, dass Glück und Unglück in der Hand des
Menschen liegt. Wir verursachen es selbst. Wir haben es selber entwickelt.
Da müssen wir aufpassen.
M.: Dann glauben Sie nicht an Schicksal?
B.: Schicksal gibt es im Islam auch. Aber es liegt in unserer
Hand. Man entwickelt es unbewusst selbst. Und dann sagt man: Es war Schicksal.
Die erste Generation will immer zurück, aber wann und wie, wissen
wir noch nicht. Einige haben schon 1984 der Regierung den gefallen getan
zurück zu gehen. Sie träumen jeden Tag davon zurückzukehren
und in ihrer Heimat zu leben.
Ich habe dort Physiotherapeut gelernt und bin hier zu meinem Beruf
gekommen. Ich übe seit 25 Jahren meinen Beruf aus. Jetzt bin ich fast
2 Jahre arbeitslos.
M.: Okay. Vielen Dank für das Interview. Es hat mich
sehr gefreut.
B.: Ich bedanke mich!
Herr B. war sehr freundlich und aufgeschlossen. Er beantwortete meine Fragen ehrlich und offen. Ich fand das Interview sehr interessant. Es ist mal etwas anderes, die Meinung von jemanden zu hören, der eine andere Staatsangehörigkeit und einen anderen Glauben hat. Ich habe gemerkt, dass ich vorher über viele Sachen nicht bescheid wusste. Ich habe viel Neues über dem Islam erfahren. Manches ist aber auch widersprüchlich, wie der Glaube der Kinder. Eigentlich können es sich die Kinder nicht aussuchen, da sie in diese Kultur "hineingeboren" werden. Ich finde es auch sehr bemerkenswert, dass Herr B. so viel über die anderen Religionen weiss. Er steht voll hinter seinen Glauben, was ich gut finde, obwohl ich selber nicht sehr gläubig bin. Ich denke, dass es manchen Menschen hilft, wenn sie einen Glauben haben, an den sie sich festhalten können.
Melanie Grove
Herford, den 27.03.2000
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