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Nachkriegs-Flüchtlinge im Internet
von Birgit Rausch
Am 14. Juni 1946 forderte das Flüchtlingsamt
des Kreises Herford Frau U. in Hiddenhausen auf, am folgenden Samstag im
Kreishause vorzusprechen.
Der Grund: Frau U. hatte den bei ihr einquartierten
Flüchtlingen die Stromversorgung abgestellt, weil diese angeblich
zuviel Strom verbrauchten.
Als Herr K. vom Kreisflüchtlingsausschuß
vermitteln wollte, wurde er vom Sohn der Frau U. mit Schlägen bedroht.
Außerdem hatte Frau U. die Flüchtlinge allgemein als "verdammte
Schweinebande" bezeichnet.
In Kirchlengern bedrohte ein Hausbesitzer die bei
ihm eingewiesenen Flüchtlinge sogar mit folgenden Worten: "Machen
Sie schnell, daß Sie rauskommen, sonst frage ich keine fünf
Kreuzer danach, Ihnen mit der Axt den Kopf einzuschlagen !" Solche und
ähnliche Vorfälle waren in der Kriegs- und Nachkriegszeit an
der Tagesordnung. Die Behörden hatten erhebliche Probleme damit, die
täglich aus dem Osten anreisenden Flüchtlinge auch nur provisorisch
mit einem Dach über dem Kopf zu versorgen. Die einheimische Bevölkerung
nahm die ihnen zugewiesenen "Volksgenossen" durchaus nicht mit offenen
Armen auf, sondern betrachtete und behandelte sie oft als Eindringlinge,
auch wenn es da selbstverständlich Ausnahmen gab.
In einem Leserbrief an das "Volks-Echo für
Westfalen und Lippe" vom 15.8.1947 beklagten sich 82 in der Gemeinde Westerenger
untergebrachte Flüchtlingsfrauen über die schlechte Ernährung,
aber auch darüber, daß sie als "Ausländer, Bettler und
Menschen zweiter Klasse" behandelt würden. Schikanen wie bereits beschrieben,
Beleidigungen und Beschimpfungen, sogar tätliche Auseinandersetzungen
waren keine Seltenheit im tristen Alltag der Kriegs- und Nachkriegszeit.
Die Gründe dafür waren nicht nur in der
allgemeinen Notlage der Bevölkerung zu sehen, die ihre ohnehin knappe
Nahrung und den Wohnraum mit den Flüchtlingen und Evakuierten unfreiwillig
teilen mußte, sondern auch in Vorurteilen gegenüber den schmutzigen,
zerlumpten und manchmal auch verlausten Gestalten, die am Herforder Bahnhof
ankamen. Flüchtlinge waren und blieben noch lange eine unwillkommene
Bevölkerungsgruppe, selbst noch in den 50er und 60er Jahren, als von
Wohnungsnot und knapper Ernährung keine Rede mehr war, wurden Flüchtlinge
noch von oben herab angesehen.
Heute, nach über 50 Jahren, ist das Vergangenheit.
Die ehemaligen Flüchtlingsfamilien sind inzwischen im Kreis voll integriert
und kaum noch von der alteingesessenen Bevölkerung zu trennen. Dafür
sind es heute die Türken, die Ausiedler und die Asylbewerber, die
die selten gewordenen Arbeitsplätze angeblich den Deutschen wegnehmen
wollen. Fremdartiges Aussehen sowie andere Sprachen und Gebräuche
führen zu Vorurteilen der Einheimischen gegenüber den Zuwanderern.
Auch wenn diese Menschen zahlenmäßig im Vergleich mit der Masse
der nach dem Kriege zugewanderten Flüchtlinge sehr wenige sind, glaubt
man die Zuwanderung nicht mehr verkraften zu können.
Mit dem Thema "Migration, Minderheiten, Vorurteile"
beschäftigt sich das neue Projekt "Virtuelle Schule" am Wilhelm-Normann-Berufskolleg
in Herford. In einem "Europäischen Klassenzimmer" sollen Schüler
aus Polen, Norwegen, England, Griechenland und Deutschland gemeinsam an
diesem Thema arbeiten und dadurch gleichzeitig zur Überwindung von
Vorurteilen beitragen.
Weitere Unterrichtsinhalte sollen später den
Unterricht im "Europäischen Klassenzimmer" ergänzen, desgleichen
sind eine Bibliothek mit Unterrichtsmaterialien sowie ein "Chatroom" als
Pausenhalle für Schüler und ein Lehrerzimmer vorgesehen. Ein
Schüler, der Gelegenheit hatte, sich im "Chatroom" mit polnischen
Schülern zu treffen und zu unterhalten, wird wahrscheinlich nicht
mehr davon ausgehen, daß alle Polen Diebe seien, sondern eine differenziertere
Sicht der Dinge erlangen.
Finanziert wird das Projekt von der EU aus dem "Sokrates"-Programm
zur Vernetzung von Schulen und Bildung; Unterstützung von Teleos und
der Universität Bielefeld ist zugesagt. Vom 20. bis 25. Februar dieses
Jahres trafen sich Lehrer, Schüler und Archivare aus den bisher beteiligten
Ländern zu einer ersten, vorbereitenden Konferenz in Herford, bei
der über die angestrebten Ziele und ein gemeinsames Konzept diskutiert
wurde.