Die fremden Deutschen
- Aussiedler
Sie
kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Polen und Rumänien und
sind Deutsche. Für den größten Teil der Bevölkerung
in Deutschland sind sie aber Fremde wie andere Ausländer auch. Die
Schicksale ihrer Familien sind ebenso unbekannt wie die politischen und
sozialen Hintergründe ihrer Auswanderung. Erst die große Zahl
der Ausreiseanträge seit dem Zerbrechen des Ostblocks haben die Aussiedler
als “Problem” ins öffentliche Bewußtsein treten lassen.
Deutsche
in Rußland und der UdSSR
Deutsche
gab es seit Anfang des 13. Jahrhunderts im Baltikum. Zwischen 1764 und
1768 siedelten sich rund 25000 Deutsche in den Steppengebieten der unteren
Wolga an. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wanderten erneut Deutsche ein.
Wie schon zuvor gründete auch ihre Auswanderungsbereitschaft sowohl
in der Not und Aussichtslosigkeit, unter denen sie in der alten Heimat
litten, als auch in der Hoffnung, durch versprochenen und gewährten
Sonderrechten ( Befreiung von Steuern und Militärdienst) in der Wahlheimat
etwas neues aufbauen zu können. Um die Jahrhundertwende lebten 1,8
Millionen Deutsche in Rußland, zu Beginn des Ersten Weltkrieges waren
es 2,4 Millionen.
Aufkommender
Nationalismus- Erster Weltkrieg
Hass
und Befürchtungen trafen die Deutschen. Als “innerer Feind” wurden
Rußlanddeutsche in östliche Gebiete deportiert. Viele starben
schon auf dem Transport. In der “ Säuberungsphase” der dreißiger
Jahre und schließlich 1941 nach dem deutschen Überfall auf die
Sowjetunion wurden Rußlanddeutsche pauschal verdächtigt, mit
dem faschistischen Aggressor zu kollabieren. Die Wolgarepublik wurden endgültig
aufgelöst, ihre deutschen Bewohner nach Sibirien umgesiedelt oder
in Arbeitslager verbannt. Die ansässigen Deutschen wurden als “Volksdeutsche”
klassifiziert und nach Westpolen und Schlesien umgesiedelt.
Fakten
gegen Vorurteile- Migration und Politik
Zwischen
1950 und 1992 trafen insgesamt rund 2,8 Millionen Vertriebene und Aussiedler
in der BRD ein, mehr als die Hälfte davon, rund 1,5 Millionen Menschen,
kamen seit 1987. 1992 betrug die Zahl einreisender Aussiedler 203 565 Personen.
Nach der Bereitschaft der bundesdeutschen Bevölkerung, Aussiedler
aufzunehmen, in der Euphorie nach der “Wende” in der DDR deutlich gestiegen
war, sank sie nach Öffnung der Grenzen wieder drastisch ab. Man sah
in den Deutschen aus Osteuropa sehr schnell nur noch eine finanzielle Belastung.
Befragte
man Aussiedler nach den Gründen ihrer Ausreise, gaben anfangs viele
ethnische und religiöse Gründe an. Ende der achtziger Jahre überwog
der Wunsch nach Familienzusammenführung. Zugenommen haben auch wirtschaftliche
Gründe für die Ausreise. Vor allem werden Ausreisemotive genannt,
die den Erwartungen der Behörden entsprechen.
Unterschiedliche
politische Mehrheiten in den einzelnen Bundesländern führen außerdem
zu unterschiedlichen Anerkennungspraktiken.
Die
Widersprüchlichkeit gesetzlicher Regelungen und Anerkennungsverfahren
trägt zum ungünstigen gesellschaftlichen Klima bei. Der Eindruck,
es herrsche eine gewisse Willkür in der Anerkennung oder Ablehnung,
bestätigt gerade jene Vorurteile, die gern zu “unrechtmäßiger
Einwanderung” erklären, was ihnen gerade passt.
Leidtragende
solchen politischen Mißtrauens sind die Aussiedler und die in der
Rangfolge noch schlechter angesehenen Asylbewerber gleichermaßen:
Beiden Gruppen wird im öffentlichen Vorurteil die willentliche Ausnutzung
von Gesetzeslücken angelastet.
Mögen
die Aussiedler noch so sehr auf ihre Ursprünge, ihre Kultur und Traditionen,
oder auf die Anerkennung nach Artikel 116 des Gesetzbuches pochen - sie
waren in ihrem Herkunftsland und sind auch hier wieder nichts anderes als
“ Fremde”. Sie sind “anders”, und das lassen die “Einheimischen” sie auch
spüren.
AUSSIEDLER
WERDEN SELTEN ALS "GLEICHE UNTER GLEICHEN" GESEHEN.
Quelle: Klaus Ahlheim,
Bardo Heger, Thomas Kuchinke: Argumente gegen den Hass. Über Vorurteile,
Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Bonn 1993.
bearbeitet von Marina
Tarara, Klasse AG-99/6, Wilhelm-Normann-Berufskolleg Herford,
Oktober 2000